Depression – wenn das Reisen zur Qual wird

Wie du vielleicht bemerkt hast, war es die letzten Wochen verdammt ruhig auf meinem Blog. Ich habe lange nichts mehr gepostet. Du fragst dich jetzt vielleicht wieso? Ehrlich gesagt hatte ich einfach nicht die Kraft dafür. In der letzten Zeit war es schon anstrengend genug für mich, morgens aus dem Bett zu kommen. Und dann hätte ich noch schreiben sollen? Es ging nicht. Nicht nur fiel mir das Aufstehen schwer, ich haderte mit jeder Entscheidung, die ich bisher getroffen hatte und zog alles in Zweifel. Ich war emotional ausgelaugt, müde und fühlte mich einfach nur noch innerlich leer. Kaum ein Tag verging, an dem ich mich nicht in den Schlaf weinte… meine Depression hatte mich fest im Griff.

Dabei sollte ich doch glücklich sein. Es gibt eigentlich keinen Grund für mich traurig zu sein. Ich bin jetzt seit 8 Monaten in Thailand, ich liebe es hier und normalerweise liebe ich es zu schreiben (auch wenn es von Zeit zu Zeit anstrengend sein kann). Aber in den letzten Wochen habe ich ganz einfach den Blick dafür verloren. Ich bin in eine negative Abwärtsspirale reingerutscht…

Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Beitrag hier schreiben soll… Denn er ist wahnsinnig persönlich. Doch nach langem Hin und Her habe ich mich dafür entschieden. Und das aus einem ganz einfachen Grund: über dieses Thema sollte viel mehr gesprochen werden. Denn jeder der länger auf Reisen ist, hat solche Phasen. Oder du reist, obwohl du zu solchen Phasen tendierst und irgendwann holen sie dich ein.

Denn egal wo du dich befindest, egal wie gut es dir in einem Moment geht oder wie gut es dir gehen sollte, eine Depression kannst du überall haben. Und es ist keine Schande. Es bedeutet nicht, dass du schwach bist.

Ablenken und hinauszögern, bis nichts mehr geht

Bis Jänner 2022 war ich auf meiner Reise selten für längere Zeit alleine. Klar nahm ich mir Zeit für mich selbst, aber es war viel zu wenig. Ich bin ein Mensch, der viel mehr Zeit alleine, als mit anderen Menschen braucht.

Doch im Jänner hieß es für mich wieder komplett alleine weiterzuziehen. Ab in den Norden Thailands. Wieder auf eigenen Füßen stehen und Thailand auf meine Weise zu bereisen.

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Anfangs lief auch alles wie gewöhnlich, wenn ich alleine unterwegs. Ich fühlte mich nicht einsam, sondern genoss es vollkommen. Ich fühlte mich gut… und doch merkte ich, wie ich von Tag zu Tag immer müder wurde. Ich brauchte für die einfachsten Dinge deutlich länger als sonst. Alles erforderte weitaus mehr Energie.

Doch ich ignorierte die Warnzeichen. Ich stürzte mich ins Erkunden und Schreiben.

Hätte ich mir die Zeit genommen, hätte ich eine Pause eingelegt und einfach alles in Ruhe emotional verarbeitet, wer weiß, vielleicht wäre alles anders gekommen. Aber ich tat es nicht.

Ohne es wirklich zu merken kroch ich immer mehr in meinen Kaninchenbau und wartete nur auf den letzten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen würde. Der mich in die Knie zwingen und mich in tausende Stücke zerspringen lassen würde.

Ein letzter Tropfen

Und gerade in meinem verletzlichsten Moment traf ich jemanden. Jemanden bei dem ich mich geborgen fühlte, leicht, mit dem alles so einfach schien. Es passte einfach… bis es dann schließlich nicht mehr passte und er mich fallen ließ. Für mich kam es jedenfalls komplett unerwartet. Der plötzliche Verlust der Geborgenheit, die ich bei ihm empfand, war mein letzter Tropfen. Er brach mir das Herz und zusammen mit meinem Herz auch der Boden unter meinen Füßen.

Depression – Das Ich in tausend Scherben

Ich verkroch mich in meinen Bungalow. Blieb tagelang im Bett. Verzichtete aufs Essen und weinte beinahe unaufhörlich. Ich ließ alles raus.

Doch irgendwann hörte ich auf zu weinen. Ich wusste, irgendwie musste ich mich zusammenreißen und wieder auf die Füße kommen.

Ich fing klein an: Ich tat mein Bestes, um wenigstens einmal am Tag vor die Türe zu gehen und frische Luft zu schnappen. Manchmal gelang es, manchmal schaffte ich es aber auch nicht, blieb im Bett und fühlte mich schuldig. Ich duschte mich, auch wenn ich mich sofort danach wieder ins Bett legte. Auch wenn ich nach wie vor keinen Appetit hatte, achtete ich darauf, wenigstens genug zu trinken. Ich begann Dinge zu tun, die mir normalerweise Spaß machten, die ich eigentlich liebte. Doch ich empfand nicht wirklich etwas dabei… und so schwer es mir auch viel, ich ließ nicht locker. Denn ich wusste, auch wenn ich es jetzt noch nicht sah oder fühlte, bald würde es mir wieder besser gehen und ich würde es wieder lieben.

Nach 3 Wochen ging es dann auch langsam wieder bergauf. Glücklich war ich nicht, aber ich wollte auch nicht mehr nur weinend im Bett sein. Immerhin ein kleiner Fortschritt. Von Tag zu Tag wurde es besser, ich zwang mich, mich aufzuraffen. Ich zwang mich etwas zu tun. In diesen Momenten hasste ich mich. Hasste mich selbst abgrundtief. Doch mit jedem neuen Tag entfernte ich mich weiter vom Abgrund.

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Fast 6 Wochen später

Heute hatte ich das erste Mal seit langem wieder das Durchhaltevermögen zu schreiben. Es fühlte sich wichtig an und als wollten diese Worte unbedingt niedergeschrieben werden.

Ich würde nicht sagen, dass es mir wieder zu 100% gut geht. Aber ich merke, wie die dunklen Momente immer weniger werden oder ich mich von ihnen nicht mehr ganz so leicht unterkriegen lasse. Ich merke, wie mir die kleinen Dinge, langsam wieder Freude bereiten und ich Schritt für Schritt wieder zu mir selbst zurückfinde.

Ein paar letzte Worte

Rückblickend hätte ich auf all die Warnzeichen, die mir mein Körper und Verstand gesendet hat, viel besser achten und reagieren sollen. Ich hätte besser auf mich und meinen Körper aufpassen müssen. Denn eigentlich sollte ich die Anzeichen einer Depression mittlerweile kennen.

Reisen ist nicht immer schön. Reisen hat nicht immer nur gute Seiten. Du kannst vor deinen inneren Dämonen oder Problemen nicht so einfach davonlaufen. Irgendwann holen sie dich ein.

Wichtig ist, dass du nicht vergisst, dass es auch wieder bessere Zeiten geben wird. Dich versuchst auf die Dinge zu konzentrieren, die dir früher Freude bereitet haben und die dir wichtig sind. Auch wenn es sich in diesem Moment nicht ganz so anfühlt.

Es gibt kein Standardrezept gegen eine Depression auf Reisen. Wie jeder Mensch unterschiedlich ist, so ist es auch jede Depression. Und doch gibt es ein paar Tipps, die dir helfen könnten. Aber diese Tipps würden den Rahmen dieses Beitrags sprengen: deshalb erzähle ich sie dir in meinem Beitrag “Depression und Reisen: was du tun kannst”.

2 comments

  1. Liebe Vici. Ich bin durch Zufall auf deine Reisegeschichte mit Depression gekommen. Und was soll ich sagen…deine Geschichte könnte eben so gut meine sein. Reisen ist für mich seit 2016 ein Problem geworden. Damals Flug/Panikattacke/Abbruch Malediven/ erste Depression. Früher nie ein Problem obwohl ich nach zwei, drei Wochen schon immer gerne wieder heimgekehrt bin. Dein Text hat mir gezeigt, dass ich nicht alleine bin mit meinen Befürchtungen/Emotionen/Gedanken. Und ja dad mit den Warnzeichen ist so so schwierig!
    Vielen Dank fürs erzählen deiner Geschichte.
    Tina

    1. Hey, Tina. 🙂
      Keine Sorge, du bist mit all diesen Gefühlen und ‘Problemen’ nicht alleine! Ich finde es ganz wichtig darüber zu sprechen, weil ich eben auch lange Zeit dachte, ich sei komisch und wie kann es mir auf Reisen bitte schlecht gehen?! Hat lange gedauert, bis ich mich diesen Gefühlen gestellt habe.
      Freut mich, dass dir mein Artikel geholfen hat. 🙂

      Liebe Grüße,
      Vici

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